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Integration unter Wasser

Samstag, 28. März 2020

Yalda Rezai kam als Flüchtling in die Schweiz. In Zürich durfte sie endlich lernen, was sie immer tun wollte: schwimmen. Jetzt bringt sie es Flüchtlingen bei.


Yalda Rezai wird von Wasser angezogen, seit sie klein ist. Für sie war Wasser lange das Element des Verzichts. Jetzt muss sie wieder darauf verzichten, wegen Corona.

Als Mädchen wollte Yalda Rezai in ihrer Heimat Afghanistan schwimmen lernen. Es war ihr verboten.

Als Jugendliche musste sie mit ihrer Familie in den Iran flüchten. Dort sind Hallenbäder sehr teuer. Sie besuchte ein einziges Mal ein Hallenbad, gemeinsam mit einer Freundin in Teheran. Sie konnten im Wasser stehen.

Als Teenager sah sie im Fernsehen Bilder von Menschen, die auf der Flucht im Meer ertranken. Yalda Rezai verstand, dass Wasser auch verschlingt, nicht nur trägt. Der Drang, schwimmen zu können, wurde stärker.

Als 21-Jährige sass sie im Winter 2016 mit ihrer älteren Schwester auf einem Gummiboot im Mittelmeer, fünfzig Personen statt der erlaubten fünfzehn. Sie erinnerte sich an die Flüchtlinge aus dem Fernsehen. Sie erinnerte sich daran, dass sie sich für eine solche Überfahrt hätte wappnen wollen.

Als sie im Frühsommer 2016 mit dem Zug von Mailand nach Zürich fuhr, erblickte sie den Luganersee, den Vierwaldstättersee, den Lauerzersee, den Zugersee, erblickte Flüsse, wollte am liebsten hineinspringen und baden. Sie dachte: In diesem Land muss man schwimmen können, ich will es bald lernen.

Als sie ein paar Wochen im Asylzentrum in Kreuzlingen wohnte, spazierte sie jeden Tag an das Ufer des Bodensees. Sie war beeindruckt von der farblichen Klarheit und der Grösse und davon, dass er drei Länder verbindet.

Als Yalda Rezai wenige Monate später an einem Asylfest in Horgen war, wurde sie nach ihrem Hobby gefragt. Sie antwortete: Schwimmen. Am selben Abend lernte sie eine Schwimmlehrerin kennen. Yalda Rezai und ihre Schwester waren im Kanton Zürich bald die ersten afghanischen Frauen, die schwimmen lernten. Sie standen im Wasser, nur mit einem Badeanzug bekleidet, und machten neben fremden Männern Atemübungen. Das Kopftuch hatten sie abgelegt.

Als Yalda Rezai das erste Mal tauchte, schluckte sie viel Wasser. Ihre Augen waren gereizt vom Chlor, ihr Kopf schmerzte vom Versuch, genügend Luft zu bekommen. Aber sie hatte keine Angst. Sie kaufte sich eine Schwimmbrille für die nächste Lektion.

Das Wasser, das für Yalda Rezai lange das Element des Verzichts war und auch eine Gefahr, wurde zu ihrem Element. Im Wasser fühlte sie sich befreit. Getragen.

Yalda Rezai war eine ehrgeizige Schülerin im Schwimmbecken. Sie hielt sich schon nach wenigen Monaten ruhig an der Wasseroberfläche. Sie schaute im Becken zu denen hinüber, die es schon länger versuchten. Nach kurzer Zeit durfte sie die Bahn wechseln und allein Längen ziehen. Bald war sie die Beste ihrer Klasse. Sie konnte als Einzige crawlen.

Yalda Rezai trainierte jeden Donnerstag bei den Wädenswiler Rettungsschwimmern. Sie übte in der Gruppe Beinschläge, den Brustschwumm, das Crawlen. Sie absolvierte vier Kurse, die zur Grundstufen-Ausbildung des Rettungsschwimmens gehören: «Brevet Basis Pool», «BLS-AED-SRC-Komplettkurs», «Modul See» und «Brevet Plus Pool». Yalda Rezai machte auch den Nothilfekurs. Am Anfang tauchte sie 15 Meter am Stück. Jetzt sind es 40 Meter, fast zwei Längen.

Sie kaufte einen Badeanzug in Schwarz. Blau oder Rot wären ihr zu auffällig gewesen. Zuerst trug sie eine kurze Hose über dem Badeanzug. Sie wollte die anderen afghanischen Männer nicht schockieren, sagt sie.

Sie trug die Shorts aus Gewohnheit. Dann legte sie die Hose und die Gewohnheit ab.

Yalda Rezai verbesserte sich schnell im Schwimmen. Mit jedem einzelnen Meter drang sie weiter in die Schweizer Gesellschaft vor. Sie lernte die sperrigen Fachausdrücke und die deutsche Sprache so eifrig wie das Schwimmen. Deutsch ist ein Muss, sagt Yalda Rezai. Schwimmen ist ihr Hobby.

Yalda Rezai, 26 Jahre alt, schwimmt heute oft im Hallenbad in Horgen, an den Wochenenden ist der Eintritt gratis. Wenn sie für sich ist, wärmt sie sich auf, schwimmt zwei Längen Crawl, zwei Längen Brust, zwei Längen Crawl. Auf dem Rücken ruht sie aus. Schwebt. Manchmal wird sie von den Schwestern begleitet, manchmal vom Bruder und seinen Kindern. Manchmal auch von der Mutter. Seit Wochen übt Yalda Rezai mit ihrer Mutter, das Gleichgewicht zu halten, wenn sie aus der Rückenlage in eine andere Position wechselt.

Yalda Rezai steht jeden Dienstagabend mit einer Schwimmlehrerin und zwei Afghanen am Schwimmbeckenrand in Altstetten. Normalerweise. Jetzt verunmöglicht Corona die Stunden. Seit zwei Jahren hilft Yalda Rezai als Trainerin im Verein Sportegration Zürich. Sie bringt Flüchtlingen das Schwimmen bei. Vierzehn Männer und zwei Frauen aus Eritrea, Afghanistan, Syrien besuchen den Kurs. Sie dürfen das Schwimmbad in der Grünau für zwei Stunden benützen. Yalda Rezai ist immer frühzeitig dort, sie wartet wie eine Gastgeberin auf der Treppe beim Eingang.

Sie will den Flüchtlingen ihre Erfahrung weitergeben. Sie sagt zu ihnen: Man wird schnell müde, wenn man falsch atmet. Wenn man vergisst, dass man oben Luft holt und sie unter Wasser rauslässt.

Vielen aus der Gruppe fällt es schwer, sich auf Beine und Arme gleichzeitig zu konzentrieren. Yalda Rezai will sie motivieren, sie davon überzeugen, dass Schwimmen überlebenswichtig ist. Auch hier in Zürich ertrinken Flüchtlinge an Sommertagen in der Limmat.

Yalda Rezai macht auf einer Liste Häkchen bei jenen Teilnehmern, die anwesend sind. Immer sind es mehr Männer als Frauen. Sobald die Frauen Mütter würden, kämen sie nicht mehr, sagt Yalda Rezai. Für die jüngeren Frauen, die da sind, scheu und unsicher, ist sie ein Vorbild. Eine Frau, die Ausländerin ist, aber Deutsch spricht und schwimmt.

Yalda Rezai wohnt mit ihren Schwestern und den Eltern in Horgen, besucht Kurse des Schweizerischen Arbeitshilfswerks und den Sprachkurs B2. Sie darf arbeiten, seit einem Jahr hat sie den Ausweis F. Sie macht Schnupperlehren in Hotels und arbeitet an den Wochenenden in einer Bar in Horgen am See. Abends pulsieren ihre Füsse, dröhnt der Kopf wegen der lauten Musik. Für das Schwimmen ist sie dann meistens zu müde.

Yalda Rezai wünscht sich für den Sommer, dass sie eine Lehrstelle findet. Sie spricht es so aus: leere Stelle. Freiraum für sich. Und sie möchte noch länger tauchen können, wenn sie wieder im Zürichsee schwimmen darf.

Text von Salome Müller (Tagesanzeiger)
Bilder von Andrea Zahler
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                    SLRG Wädenswil 2020-04-26 Martina Camenzind
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