« zurück

Leben retten braucht Ausdauer

Montag, 05. August 2019

Wo müssen die Hände bei einer Herzdruckmassage platziert werden und wo die Pads eines Defibrillators? ZSZ-Radaktorin Fabienne Sennhauser lässt sich vom Feuerwehrkommandanten von Rapperswil-Jona in einem Crashkurs die wichtigsten Erste-Hilfe-Massnahmen erklären.


Ein Bekannter klagt über Schmerzen in der Brust und sackt plötzlich zusammen. Puls und Atem setzen sofort aus. Glücklicherweise kenne ich ein solches Szenario nach wie vor nur aus dem Nothelferkurs, welchen ich vor fast zehn Jahren einmal besucht habe. Aus der Luft gegriffen ist das Beispiel aber keinesfalls. Laut dem Bundesamt für Statistik erlitten 2015 über 15 000 Menschen hierzulande einen Myokardinfarkt, besser bekannt als Herzinfarkt. Bis der Rettungsdienst in solchen Fällen zur Stelle ist, kann einige Zeit vergehen. «Umso wichtiger ist es, dass Ersthelfer vor Ort sofort lebenserhaltende Massnahmen ergreifen», mahnt mich Roland Meier, Feuerwehrkommandant von Rapperswil-Jona. «Nichts macht mich wütender, als wenn wir zu einem Einsatzort kommen und dort haufenweise Leute drumherum stehen, aber keiner tut etwas.» Meier ist es ein Anliegen, dass möglichst viele Menschen ausgebildet sind, im Notfall Erste Hilfe zu leisten. Und so wird mein Besuch, der ursprünglich als Interviewtermin geplant war, kurzerhand zu einer privaten Übungslektion.

Als Erstes bekomme ich die sogenannten Basismassnahmen der Reanimation vermittelt. Für mich heisst das: ab auf die Knie. Wurde die 144 alarmiert, sollten Ersthelfer nämlich unverzüglich mit der Herzdruckmassage beginnen. Auf 30 Thoraxkompressionen folgen zwei Beatmungsstösse. Das hört sich allerdings leichter an, als es ist.

Zunächst einmal gilt es, die richtige Position einzunehmen. Ist man als Helfer auf sich alleine gestellt, kniet man sich am besten hinter den Kopf des Patienten. Von dieser Position aus kann sowohl beatmet als auch massiert werden. Ist eine zweite Person zur Stelle, empfiehlt es sich, Beatmen und Druckmassage voneinander zu trennen. Ein Helfer kniet dann seitlich vom Patienten. Wichtig ist, dass die bewusstlose Person flach auf dem Boden liegt und ihr Oberkörper frei ist. Der Druckpunkt liegt in der Mitte des Brustkorbes, dort wird der Handballen aufgelegt. Die zweite Hand wird dann darübergelegt, die Finger können wahlweise auch ineinander verschränkt werden. Die Arme sollten zudem möglichst senkrecht und durchgestreckt gehalten werden. «Bei der Herzdruckmassage sollte der Brustkorb einer erwachsenen Person rund fünf bis sechs Zentimeter komprimiert werden», erklärt mir Meier. Dass hierbei schon einmal die eine oder andere Rippe bricht, gehöre dazu. «Davon darf man keine Angst haben und sich in keinem Fall aufhalten lassen.»

Dank dem Übungsdummy kann ich meine Leistung überprüfen. Die Bilanz ist ernüchternd: Bei meinen Reanimationsversuchen gelingt es mir kaum, die fünf bis sechs Zentimeter zu erreichen. Nur mit sehr grosser Kraftanstrengung erreiche ich schliesslich das vorgegebene Ziel. Meine Freude darüber wehrt nicht lange: «Die Druckfrequenz beträgt circa 100 Schläge in der Minute», weist mich der Feuerwehrkommandant an. Soll heissen, mein Rhythmus ist viel zu langsam.

Nach 30 fast korrekten Thoraxkompressionen bin ich bereits fix und alle und komme zur Erkenntnis: Als Ersthelfer ist ordentlich Ausdauer gefragt. Nun folgen zwei Beatmungsstösse. Auch hier ist die richtige Technik das A und O. Ausserdem empfiehlt Roland Meier, jederzeit eine Beatmungshilfe bei sich zu tragen. «Jemanden direkt beatmen, das fällt auch mir schwer. Ausserdem kann es gut sein, dass der Patient zuvor erbrochen hat oder der Beatmungsvorgang eine solche Reaktion auslöst.» Im Fachhandel sind Beatmungshilfen relativ günstig zu erwerben. Sei das in Form eines Schlüsselanhängers, aus dem sich im Notfall eine dünne Beatmungsfolie zaubern lässt, oder in Form einer einfachen Plastikmaske mit Filter.

Um wirkungsvoll zu beatmen, wird der Kopf des Patienten
übergestreckt und mit den Fingern unter dem Kinn fixiert. Mit der anderen Hand wird die Beatmungsmaske fest auf den Kopf gedrückt. Dann folgen zwei kurze, aber kräftige Luftstösse. Dabei sollte ein Heben des Brustkorbs beobachtbar sein. Dies alles sollte in Sekundenbruchteilen passieren. Zwischen der Druckmassage und dem Beatmen sollte keine Pause entstehen. Roland Meier empfiehlt ungeübten Ersthelfern darum, das Beatmen zu vernachlässigen und sich auf die korrekte Herzmassage zu konzentrieren. Der Grund: «Bei einem Herzstillstand ist in den ersten Minuten grundsätzlich noch genügend Sauerstoff im Blut vorhanden.»

Ist ein Defibrillator vorhanden, sollte dieser ergänzend zur Druckmassage eingesetzt werden. Dabei zeigt sich: Einmal am Patienten angebracht und eingeschaltet, ist der Gebrauch selbsterklärend. Der «Defi», wie er umgangssprachlich genannt wird, erklärt nicht nur Schritt für Schritt den Ablauf bis zur Schockabgabe, sondern er leitet die Ersthelfer auch bei der weiteren Reanimation an. «Doch der ‹Defi› ist immer nur Ergänzung und ersetzt nie die Herzdruckmassage », mahnt Meier. Deshalb gibt er mir zum Schluss jene Worte mit auf den Weg, die, geht es nach ihm, in den Köpfen aller Menschen eingebrannt sein müssten: «Ich kann nur dann etwas falsch machen, wenn ich nichts tue. Denn mit jeder Minute, in der ich nicht reanimiere, sinkt die Überlebenschance des Patienten um beinahe zehn Prozent.»

Text von Fabienne Sennhauser (Zürichsee-Zeitung)
Bild von Manuela Matt (Zürichsee-Zeitung)
Icon
                                                              SLRG Wädenswil 2019-11-09 Martina Camenzind
Webdesign & CMS by onelook