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Hi my name is Ratatouille

Donnerstag, 05. Dezember 2019

So habe ich mich das letzte halbe Jahr immer vorgestellt. Wie es dazu kam aber später. Wie viele von euch wissen, war ich während des letzten halben Jahres auf Reisen. Ich bin auf dem Pacific Crest Trail (PCT) von Mexiko nach Kanada marschiert.


Einige von euch haben bestimmt den Film «Der grosse Trip-Wild» mit Reese Witherspoon gesehen, welcher, welcher Ende 2014 in die Kinos kam. Dieser Film erzählt die Geschichte einer Hikerin und ihre Erfahrungen in der Wildnis auf diesem Trail.  

Anfangs Jahr beschloss ich mich für solch ein Abenteuer und hatte angefangen, mich vorzubereiten. Da ich niemanden kannte, der mir Tipps geben konnte, habe ich einfach den Film wieder und wieder geschaut und habe mich so auf das Nötigste vorbereitet. Ich begann zu Fuss zur Arbeit zu gehen und bin an meinen freien Tagen mehrere Stunden gelaufen. Dann kam die Stunde des Abschiedes, mein Abenteuer ging los! Ob ich mich genug vorbereitet hatte, zeigte sich in wenigen Tagen. Das Material, dachte ich, kann ich schlimmstenfalls noch dazukaufen, doch fürs Erste reichte ein Zelt, ein Schlafsack, eine Regenjacke und viel Unnötiges ebenfalls. Von Los Angeles fuhr ich mit dem Zug nach San Diego, wo mich ein Trail Angel (Personen die Hiker helfen) abholte. Er hat mir gesagt, dass bereits 20 weitere Hiker zuhause sind und so freute ich mich, endlich Gleichgesinnte zu treffen und Erfahrungen auszutauschen. Kaum angekommen, fing das Ausfragen und das Ausmustern an. Was hat der andere alles dabei und was habe ich eventuell zu viel eingepackt. Denn alles, was zuviel dabei ist, bedeutet unnötiges Gewicht. Ich wurde mit meinen 20 kg Grundgewicht als hoch eingestuft, einige hatten ein Grundgewicht von 5 kg. Aber alles, was ich hatte, empfand ich als wichtig. Tja, dachte ich: meine Schultern können das Gewicht tragen. So fing die erste Nacht meines Abenteuers an. Um 5:00 Uhr morgens stand das Frühstück bereit und danach wurden wir allesamt nach Campo an die mexikanische Grenze gefahren, welche 1.5 Stunden von San Diego entfernt ist. Die Nervosität stieg bei allen. Beim Südlichsten Terminus des PCT hatten wir noch ein Gruppenfoto gemacht und danach brachen wir auf in die Wüste. Am Anfang waren alle noch nahe beieinander aber bereits nach der ersten Meile hatte das Feld sich ausgedehnt. Man merkte schnell, wer mit dem eigenen Tempo mithalten kann. Ich hatte mich mit einer Frau angefreundet und bin mit ihr auch gestartet. Sie war klein und fein, aber konnte problemlos mit mir mithalten. Der erste Tag ging zu Ende und es hiess, Zelt aufbauen und sich vorbereiten für die Nacht. Erschöpft schliefen wir ein aber die Vorfreude war trotzdem hier und so fand man lange keinen Schlaf. Ebenfalls hörte man nicht vertraute Geräusche und schreckte in der Nacht einige Male auf.

Die weiteren Tage waren heiss und trocken. Die Wüste war gnadenlos und die Sonne brannte runter, als wäre man in einem Ofen. Das einzige Erfreuliche war die Aussicht und ab und zu ein kleiner Bach mit Wasser. Wir hörten, dass viele der gestarteten Hiker bereits den Trail verlassen hätten. Denn plötzlich Wild gehen ist nicht jedermanns Sache. Nach einigen Tagen kamen wir wieder in die Zivilisation. Viele hatten Fresspakete vorgesendet und andere, wie beispielsweise ich, unterstützen die lokalen Geschäfte. In den meisten Geschäften findet man Hiker-Boxen, das sind Secondhandboxen für Hiker. Alles, was du nicht mehr rumtragen willst, wirfst du einfach in diese Box und alles, was du haben willst, nimmst du raus. Das gilt ebenfalls für Essen. Wenn du jeden Tag das Gleiche gegessen hasst, dann kannst du einige Sachen nicht mehr sehen und man findet immer was Gutes in solch einer Box.

Gut gestärkt ging es wieder raus in die Wildnis. Die Freude für das Abenteuer war riesig und jeder Tag ähnelte dem anderen, nur die Aussicht war jeweils anders. Man hatte bereits viele Themen durchgesprochen mit den Freunden, aber es gab auch Tabus. So war es nicht gestattet, über Essen zu reden. Denn alles, was wir assen, trugen wir mit uns. Meistens war es etwas Einfaches, was getrocknet war, damit man Gewicht einsparen konnte. Wenn man nun von einem herrlichen Blattsalat, einem guten Stück Fleisch und als Dessert von einem Fruchtsalat redete, bekam man Hunger, wollte essen und wurde enttäuscht von der mitgenommenen Auswahl. Mein Essenverhalten war zu beginn sehr primitiv aber mit der Zeit lernte ich vieles dazu. Mein Tag startete jeweils mit Haferflocken, danach hatte ich einige Snacks und am Mittag ass ich Tortillas mit Thunfisch oder Marmelade, gefolgt von weiteren Nachmittagsnacks und Pasta für den Abend, mit oder ohne Päcklisauce.

Tag ein, Tag aus das Gleiche. Der Einkauf war einfach für mich. Doch war ich nach der ersten Woche ausgepowert und musste meine Ernährung umstellen. Ich musste mehr Kalorien zu mir nehmen. Am Ende meiner Reise habe ich durchschnittlich 8000 Kalorien pro Tag ▶ gegessen. Eine Dose Nutella mit 400 Gramm wurde da schnell mal in der Zvieripause gegessen und Olivenöl als Wasserersatz zum Mittagessen getrunken. Aber wie es auch so ist, habe ich mich auch mal verkalkuliert beim Essen. Mit der Zeit wusste ich, dass ich ca. 30 Meilen pro Tag gehen und somit die Tage zwischen den Dörfern ausrechnen konnte, für welche ich Verpflegung mitnehmen musste. Meisten waren es zwischen vier und zehn Tagen. In Origon habe ich ausgerechnet, dass ich etwa zehn Tage brauche, bis ich wieder Zivilisation sehe. Also habe ich für zehn Tage Essen mitgenommen. Leider hatte ich die Vorstrecke falsch berechnet und hatte noch viel Essen übrig (was man eigentlich versuchte zu verhindern, denn nicht verspeistes Essen ist Gewicht, welches man für die Katz getragen hatte) also habe ich meine Berechnung angepasst. Ich habe für zehn Tage essen dabei, jedoch habe ich die Snacks wenig angepasst. Wie das Schicksal so wollte, traf ich nach vier Tagen auf Schnee und konnte leider keine 30 Meilen machen. Auch während den folgenden zwei Tagen ging ich immer wieder im Schnee. Als der Schnee ein Ende hatte, versuchte ich, grössere Distanzen zu laufen, um meine verlorenen Meilen aufzuholen, doch ohne Erfolg. Irgendwann war auch ich müde und so kam es, dass mein Essen ausging. Weniger essen war schwer, denn man hat genug Zeit um immer über Essen nachzudenken und alles drehte sich um Essen. Als ich den letzte Proteinriegel ass, wusste ich, dass ich noch 70 Meilen (110 km) habe, bis ich shoppen gehen könnte. So habe ich mich mit Baumrinde, Ästen und Gras über Boden gehalten, damit mein Mund beschäftigt war. Aber Hunger hatte ich… Ich war alleine unterwegs und leider hatte ich niemanden gesehen auf dieser Strecke.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich auch mit dem Wasser in der Mojave-Wüste. Ich bin mit einem jungen Mädchen, welche erst 18 war (mit 18 Jahren schon so einen verrückten Trail machen!), aus der Stadt Teachapi losgezogen. Wir wussten, dass wir eine 28 Meilen lange, trockene Strecke vor uns hatten. Somit haben wir uns mit je sechs Litern Wasser ausgerüstet. Was wir nicht wussten war, dass die Wassertanks in 28 Meilen trocken waren (Trail Angels fahren ab und zu dort hinaus und füllen alle Wasserkanister auf). Bei Wasser gilt immer die Goldene Regel «»nimm nur so viel wie du brauchst«», denn andere kommen nach dir auch. Wir hatten alle Kanister kontrolliert und haben weniger als 0,7 Liter Wasser für eine erneute Strecke von 25 Meilen vorgefunden. Da ich die Not in der Situation erkannte, habe ich beschlossen, in der Nacht zu laufen, da es weniger heiss ist und ich so auch weniger schwitzen würde. Sunkiss (das 18 Jahre alte Mädchen) war einverstanden mit meinem Plan und so liefen wir bis um 02:00 Uhr morgens. Todmüde hatten wir uns direkt auf den Weg gelegt, um einige Stunden zu schlafen. Nach einer Stunde verspüre ich einen Regentropfen. Regen in der Wüste? Ich weckte Sunkiss und befahl ihr, das Zelt aufzuspannen. Dies nicht zum Schutz vor dem Regen, nein, sondern zum Sammeln von Wasser. Leider hielt der Regen nicht lange an, jedoch konnten wir einige Liter an Regenwasser sammeln. Das gesammelte Wasser in eine Flasche zu füllen gestaltete sich nicht einfach. Da wir schon wach waren, beschlossen wir, weiter zu laufen mit unseren zusätzlichen drei Liter Wasser. Gegen Mittag ging dies aber auch schon zu Ende und wir versuchten, zusammen Schutz vor der Sonne zu suchen. Dies hinter einem Kaktus. Alles 20 Minuten mussten wir dem Schatten folgen. Dann dachte ich, dass ich eine Illusion sehe, doch diese Illusion war Wirklichkeit! So kam es, dass wir einen Wanderer sahen, der nur eine Tageswanderung machte. Er hatte uns ausgeholfen mit Wasser und so fanden wir nur wenig dehydriert das nächste Bachbett mit Wasser.

Wie ihr merkt, war es wirkliche eine Abenteuerreise und viele Situationen waren nicht immer auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich habe insgesamt 15 Klapperschlangen gesehen, drei davon näher als einen Meter. Sechs Bären und zwei Babys, zwei davon näher als fünf Meter von mir entfernt. Zum Glück hatte ich keinen Puma gesehen, jedoch waren uns zwei gefolgt und dies über mehrere Tage (gemäss Aussagen von anderen Hikern, welche die Spuren im Schnee sahen). Ich hatte mit Wildbienen, Baltern und Frostbrand zu kämpfen. Wer gerne andere Geschichten hören will von meinen Erlebnissen, der darf mich jederzeit fragen. Nun noch der Grund, warum ich mich als Ratatouille vorstellte. Ich habe für eine Familie Ratatouille gekocht und simultan kam der Film im TV. Somit haben meine Freunde beschlossen, mich nur noch Ratatouille zu nennen. Als letzte Information: ich habe auf meinen 4 279 km vier Paar Schuhe durchgelaufen, sechs Socken durch geraspelt, zehn Kilogramm abgenommen, in zwei Zelten beherbergt und 1000de von Franken für unnötiges Material ausgegeben und das alles in vier Monaten. Nun hoffe ich, euch gluschtig gemacht zu haben für euer eigenes Abenteuer.

Text von Oliver Conrad
Bilder von Oliver Conrad

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      SLRG Wädenswil 2020-09-08 Martina Camenzind
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